Brao Pflichtenpruefung
Checkliste anwaltlicher Grundpflichten vor Mandatsannahme und im laufenden Mandat – Verschwiegenheit § 43a II BRAO + § 2 BORA + § 203 StGB, Interessenkollision § 43a IV BRAO + § 3 BORA + § 356 StGB (mit Sozietätszurechnung), Sachlichkeit § 43a III/§ 44, Werbung § 43b/§§ 6 ff. BORA, Auslagerung/KI § 43e, Vergütung § 49b, Fremdgeld § 43a V, GwG-Hinweispflichten § 50 BRAO. Use when ein Anwalt vor Mandatsannahme die berufsrechtliche Zulässigkeit prüfen muss, eine Sozietät einen Konflikt-Check braucht, ein RAK-Aufsichtsverfahren droht oder KI-/Cloud-Auslagerung berufsrechtlich abzusichern ist.
Purpose
Der Skill prüft die zentralen Grundpflichten der BRAO entlang einer festen Reihenfolge — Verschwiegenheit zuerst, Interessenkollision zweitens, dann die konkreten Pflichtenkomplexe (Werbung, Auslagerung, Vergütung, Fremdgeld). Er ist sowohl Mandatsannahme-Checkliste als auch Verteidigungsraster, wenn ein Rüge- oder anwaltsgerichtliches Verfahren droht. Der Skill zeigt für jede Pflicht die strafrechtlichen Reflexe (§§ 203, 356 StGB) und die verfahrensrechtliche Folgenseite (§§ 73 ff., §§ 113 ff. BRAO).
Inputs
- Kanzleistruktur (Einzelanwalt, Sozietät, PartG mbB, RA-GmbH; Standort)
- Mandatsbeschreibung (Gegner, Sachverhalt, Vorbefassung in der Sozietät?)
- Frühere Mandate, die berührt sein könnten (Sozietätsdatenbank!)
- Drittanbieter im Workflow (Cloud, KI-Tools, externe Schreibkraft, Aktenscannen) — Vertragsstatus, AVV vorhanden?
- Honorarmodell (Stundensatz, Pauschal, Vergütungsvereinbarung, Erfolgshonorar erwogen?)
- Werbung/Außenauftritt (Website, Social Media, Akquise-Schreiben)
- Anlass der Prüfung: Mandatsanbahnung / laufendes Mandat / Rüge-Verfahren / Aufsichtsanhörung RAK
Sub-Agent Architecture
Researcher liefert BRAO-/BORA-Statute, BGH-Anwaltssenat-Rspr. zu Verschwiegenheit, Interessenkollision, Werbung und Auslagerung, BVerfG zu Art. 12 GG-Werbung, sowie Standardkommentare (Henssler/Prütting, Feuerich/Weyland, Kleine-Cosack, Hartung/Scharmer). Drafter prüft die sechs Pflichtenkomplexe in Gutachtenstil mit Sozietäts-zurechnung und schreibt Mandatsannahme- oder -ablehnungsvermerk. Reviewer setzt Verschwiegenheit (§ 203 StGB) und Interessenkollision (§ 43a IV BRAO + § 3 BORA) als zwingende Pflichtpunkte 1 und 2 — Lücken sind Blocker.
Process
1. Verschwiegenheit § 43a Abs. 2 BRAO — § 2 BORA — § 203 StGB
Verschwiegenheit ist die zentrale Grundpflicht des Rechtsanwalts. Sie umfasst alles, was in Ausübung des Berufs bekannt geworden ist, gilt zeitlich unbegrenzt (auch nach Mandatsende, § 43a Abs. 2 S. 1 BRAO) und ist sachlich nicht auf den Mandanten beschränkt. Verletzung ist strafbar nach § 203 Abs. 1 Nr. 3 StGB (Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis 1 Jahr).
Erlaubte Durchbrechungen:
- Einwilligung des Mandanten (ausdrücklich, informiert)
- Wahrnehmung berechtigter Interessen des Anwalts (§ 2 Abs. 3 BORA, eng auszulegen — z. B. Honorarklage, Verteidigung gegen Vorwürfe)
- Gesetzliche Offenbarungspflichten (z. B. Geldwäsche § 43 GwG iVm § 2 GwG, §§ 138, 139 StGB-Anzeigepflichten in engem Rahmen)
Datenpannen-Schutz: Anwalt schuldet organisatorische Sicherung (verschlossene Akten, IT-Sicherheit, Need-to-know in Sozietät).
2. Interessenkollision § 43a Abs. 4 BRAO — § 3 BORA — § 356 StGB
Es ist verboten, widerstreitende Interessen zu vertreten. Maßstab:
- „Dieselbe Rechtssache" = derselbe Sachverhalt mit innerem Zusammenhang, auch wenn formal getrennte Aktenzeichen.
- Vorbefassung — auch nur beratend, auch nur außergerichtlich, auch nur durch einen anderen Berufskollegen der Sozietät — sperrt.
- Sozietätszurechnung § 3 BORA: Was ein Sozietätsmitglied weiß / vertreten hat, ist allen zugerechnet. Auch nach Ausscheiden bleibt die Sperre für den Ausgeschiedenen und für die Sozietät bestehen, wenn er „in derselben Rechtssache" tätig war.
- Einwilligung beider Mandanten kann den Konflikt heilen, wenn objektiv keine Gefährdung besteht (§ 3 Abs. 2 BORA, Streit über Reichweite — h.M. eng auszulegen).
Verstoß strafrechtlich: § 356 StGB (Parteiverrat — Freiheitsstrafe drei Monate bis fünf Jahre).
3. Sachlichkeitsgebot § 43a Abs. 3 BRAO — § 44 BRAO
Der Anwalt darf sich nicht unsachlich verhalten. Unsachlich sind insbesondere bewusste Unwahrheiten, herabwürdigende Äußerungen ohne Sachbezug. Streit über Reichweite (BVerfG: weite Meinungsfreiheit Art. 5 GG für berufliche Äußerungen [unverifiziert – prüfen]).
4. Werbung § 43b BRAO — §§ 6 ff. BORA
Sachliche Information über die berufliche Tätigkeit ist zulässig. Verboten ist Werbung, die auf Erteilung eines Auftrags im Einzelfall gerichtet ist. § 6 BORA konkretisiert: keine reklamehafte Werbung, keine vergleichende Werbung mit Berufskollegen, keine Erfolgs- und Umsatzangaben (§ 7 BORA) ohne dokumentierte Grundlage.
BVerfG hat das Werberecht mehrfach grundrechtskonform gelockert (Art. 12 GG [unverifiziert – prüfen]).
5. Auslagerung § 43e BRAO — Brücke zur KI-/Cloud-Compliance
Auslagerung an Dritte (IT-Dienstleister, Cloud, KI-Tools, externe Schreibkraft) verlangt:
- Schriftliche Vereinbarung über Verschwiegenheit (§ 43e Abs. 2 Nr. 1 BRAO)
- Sorgfältige Auswahl und Kontrolle des Dienstleisters (§ 43e Abs. 2 Nr. 2 BRAO)
- Verpflichtung der Hilfspersonen zur Verschwiegenheit nach § 203 Abs. 4 StGB
- AVV (Art. 28 DSGVO) parallel
- Information des Mandanten, wenn besondere Risiken (z. B. Cloud-Speicherung außerhalb EU, generative KI mit Trainings-Risiko)
Für KI-Tools: Prompts mit Mandatsbezug enthalten geschützte Geheimnisse iSv § 203 StGB. Ohne § 43e-konforme Vereinbarung und ohne § 203 IV StGB-Verpflichtung → Strafbarkeitsrisiko. Brücke zum geplanten ki-governance-Skill.
6. Vergütung § 49b BRAO — RVG
- Gebühren des RVG sind grundsätzlich bindend; Unterschreitung außerhalb gerichtlicher Verfahren in Grenzen erlaubt (§ 49b Abs. 1 BRAO, § 4 RVG).
- Erfolgshonorar-Verbot § 49b Abs. 2 BRAO. Ausnahmen § 4a RVG: (i) Mandant würde aus wirtschaftlichen Gründen sonst von der Rechtsverfolgung absehen, (ii) Inkassodienstleistungen, (iii) Auslandsfälle, jeweils eng ausgelegt.
- Honorarvereinbarung in Textform, deutlich abgesetzt vom Mandatsvertrag (§ 3a RVG).
- Fremdgeld § 43a Abs. 5 BRAO: getrenntes Anderkonto, unverzügliche Auskehr, unter Berücksichtigung von Aufrechnungsrechten nur sehr eingeschränkt.
7. GwG-Hinweispflichten § 50 BRAO
Bei katalogmäßiger Tätigkeit nach § 2 GwG (z. B. Immobilientransaktionen, Gesellschaftsgründungen mit Mittelfluss) gelten Identifizierungs- und Aufzeichnungspflichten. § 43e BRAO regelt die berufsrechtliche Flankierung; § 50 BRAO setzt das in Kammerrecht um. Verstoß: berufsrechtliche Maßnahmen + GwG-Bußgelder.
8. Verfahrensrechtliche Folgenseite
- Rüge § 74 BRAO durch Kammervorstand. Anfechtung binnen 1 Monat ab Zustellung.
- Anwaltsgerichtliches Verfahren §§ 113 ff. BRAO. Sanktionskatalog § 114: Warnung, Verweis, Geldbuße bis 50.000 €, Vertretungsverbot ein bis fünf Jahre, Ausschließung aus der Rechtsanwaltschaft.
- Verfolgungsverjährung § 115 BRAO: 5 Jahre, beginnt mit Beendigung der Pflichtverletzung (Dauerverstöße: Beendigung des Dauerverstands).
- Daneben: zivilrechtliche Haftung (§ 280 BGB iVm Mandatsvertrag), strafrechtliche Verfolgung (§§ 203, 356 StGB), wettbewerbsrechtliche Ansprüche (UWG bei Werbeverstößen).
Sources and Citations
Verbindlich: ../../../references/zitierweise.md.
Statute
- § 43 BRAO (allgemeine Berufspflicht)
- § 43a BRAO (Grundpflichten — Verschwiegenheit Abs. 2, Sachlichkeit Abs. 3, Interessenkollision Abs. 4, Fremdgeld Abs. 5)
- § 43b BRAO (Werbung)
- § 43e BRAO (Auslagerung)
- § 44 BRAO (Sachlichkeit)
- §§ 45, 46 BRAO (Tätigkeitsverbote)
- § 49b BRAO (Vergütung, Erfolgshonorar)
- § 50 BRAO (GwG-Hinweispflichten)
- § 73 BRAO (Aufsicht durch Kammervorstand)
- § 74 BRAO (Rüge, 1-Monatsfrist)
- § 113 BRAO ff. (anwaltsgerichtliches Verfahren)
- § 114 BRAO (Sanktionskatalog)
- § 115 BRAO (5-Jahre-Verjährung)
- §§ 2, 3, 6, 7, 14, 18, 30 BORA
- § 203 StGB (Verletzung von Privatgeheimnissen)
- § 356 StGB (Parteiverrat)
- § 53 Abs. 1 Nr. 3 StPO (Zeugnisverweigerung)
- § 97 StPO (Beschlagnahmeverbote)
- § 383 Abs. 1 Nr. 6 ZPO (Zeugnisverweigerung)
- §§ 3a, 4, 4a RVG
Kommentare
- Henssler, in: Henssler/Prütting, BRAO, 6. Aufl. 2024, § 43a Rn. 1 ff., § 43e Rn. 1 ff.
- Träger, in: Feuerich/Weyland, BRAO, 11. Aufl. 2024, § 43a Rn. 1 ff.
- Kleine-Cosack, BRAO, 9. Aufl. 2023, § 43a Rn. 1 ff.
- Hartung, in: Hartung/Scharmer, Anwaltsberufsrecht (BORA), 7. Aufl. 2024, § 3 BORA Rn. 1 ff.
- Fischer, StGB, 71. Aufl. 2024, § 203 Rn. 1 ff., § 356 Rn. 1 ff.
Rechtsprechung ([unverifiziert – prüfen in juris/Beck-Online])
- BVerfG, Beschl. v. 12.12.2007 – 1 BvR 1625/06, NJW 2008, 502 (anwaltliche Werbung)
- BGH, Urt. v. 25.06.2020 – IX ZR 243/18, NJW 2020, 2614 (Reichweite Mandatsgeheimnis bei IT-Auslagerung)
- BGH-Anwaltssenat, Beschl. v. … – AnwZ (Brfg) …/… (Interessenkollision, „dieselbe Rechtssache")
- EuGH, Urt. v. 14.09.2010 – Rs. C-550/07 P, ECLI:EU:C:2010:512 (Akzo Nobel — Legal Privilege im EU-Kartellverfahren, nur für unabhängige Anwälte)
- BGH, Urt. v. 13.05.2014 – VI ZR 192/13, NJW 2014, 2492 (anwaltliche Sorgfalts- und Aufklärungspflicht)
Output Format
VERMERK — BRAO-Pflichtenprüfung
Kanzlei: <…> Datum: <TT.MM.JJJJ>
Mandat: <Bezeichnung anonymisiert>
I. Sachverhalt (knapp)
II. Frage(n)
III. Kurzantwort
– Mandatsannahme: [ja / ja mit Auflagen / nein]
– Begründung in einem Satz
IV. Rechtliche Bewertung
1. Verschwiegenheit § 43a II BRAO / § 2 BORA / § 203 StGB
– Datenfluss, Auslagerung, Mandanteneinwilligung?
2. Interessenkollision § 43a IV BRAO / § 3 BORA / § 356 StGB
– Vorbefassung Sozietät? Konfliktdatenbank-Check
– „Dieselbe Rechtssache"?
– Einwilligungsoption?
3. Sachlichkeit § 43a III / § 44 BRAO
4. Werbung § 43b BRAO / §§ 6 ff. BORA
5. Auslagerung § 43e BRAO
– Drittanbieter, AVV, § 203 IV StGB-Verpflichtung
– KI-Bezug
6. Vergütung § 49b BRAO / §§ 3a, 4a RVG
– Erfolgshonorar-Risiko?
– Fremdgeld § 43a V BRAO
7. GwG-Hinweispflichten § 50 BRAO
V. Verfahrensrechtliche Folgen bei Verstoß
– Rüge § 74 BRAO (1 Monat Anfechtung)
– Anwaltsgerichtliche Maßnahmen §§ 113 ff., § 114 BRAO
– Verjährung 5 Jahre § 115 BRAO
– Strafrechtliche Reflexe §§ 203, 356 StGB
– Zivilrechtliche Haftung § 280 BGB
VI. Empfehlung
– konkrete Handlungsschritte (Mandat annehmen / ablehnen / Auflagen)
– Dokumentation (Konfliktcheck-Protokoll, Mandanteneinwilligung)
VII. Risikoeinstufung
🟢 / 🟡 / 🔴 mit Begründung
VIII. QuellenverzeichnisBeispiel (Auszug Gutachtenstil)
Frage: Darf Kanzlei K die Verteidigung des Mandanten M übernehmen, wenn ein Sozietätspartner vor zwei Jahren die Gegnerin steuerlich beraten hat?
Bewertung: Es liegt eine vorbefasste Sozietät iSv § 43a Abs. 4 BRAO iVm § 3 BORA vor. Die steuerliche Beratung der Gegenseite und das jetzt anstehende Mandat sind in derselben Rechtssache verzahnt, wenn die damalig beratene Vermögensstruktur Gegenstand des aktuellen Streits ist. Die Vorbefassung eines Sozietätsmitglieds ist sämtlichen Sozietätsmitgliedern zuzurechnen (§ 3 BORA, h.M.: Henssler, in: Henssler/Prütting, 6. Aufl. 2024, § 3 BORA Rn. 12 [unverifiziert]). Eine wechselseitige Einwilligung beider Parteien könnte den Konflikt grundsätzlich heilen (§ 3 Abs. 2 BORA), kommt hier aber wegen offen widerstreitender Interessen praktisch nicht in Betracht. Folge: Mandatsablehnung, da andernfalls Verstoß gegen § 43a Abs. 4 BRAO und Strafbarkeitsrisiko nach § 356 StGB.
Ergebnis: 🔴 — Mandat ablehnen, Begründung dokumentieren (Konfliktcheck-Protokoll).
Risks and Common Mistakes
- Vorbefassung der Sozietät übersehen, weil das damalige Mandat in einem anderen Aktenzeichen oder einem anderen Büro geführt wurde — § 3 BORA zurechnet beides.
- Mandanteneinwilligung als Universal-Heilmittel missverstehen — bei offen widerstreitenden Interessen wirkt sie nicht (§ 3 Abs. 2 BORA, h.M.).
- KI-Auslagerung ohne § 43e-Vereinbarung und ohne § 203 Abs. 4 StGB-Verpflichtung — strafbar nach § 203 Abs. 1 Nr. 3 StGB.
- Erfolgshonorar zugesagt außerhalb § 4a RVG — Vereinbarung nichtig, RVG-Sätze greifen, ggf. Rückforderung erfolgsbezogen gezahlter Beträge.
- Werbeversprechen („Wir setzen Ihren Anspruch durch") — Verstoß gegen § 43b BRAO + § 6 BORA, UWG-Abmahnung möglich.
- Fremdgeld auf Geschäftskonto statt Anderkonto — § 43a Abs. 5 BRAO-Verstoß, Anfangsverdacht Untreue § 266 StGB.
- 1-Monatsfrist § 74 BRAO versäumt — Rüge wird bestandskräftig.
- Verfolgungsverjährung 5 Jahre § 115 BRAO bei Dauerverstößen (z. B. dauerhaft unzulässige Werbung) zu früh angenommen — beginnt mit Beendigung des Dauerverstands.