Purpose

Die Hochrisiko-Klassifizierung entscheidet über die anwendbaren Pflichten der KI-VO: Konformitätsbewertung, Risikomanagement, Datenqualität, Transparenz, menschliche Aufsicht, Logging, Genauigkeit/Robustheit/Cybersicherheit. Eine Fehlklassifizierung kann Bußgelder bis zu 15 Mio. EUR oder 3 % des weltweiten Jahresumsatzes (Art. 99 Abs. 4 KI-VO) auslösen.

Inputs

  • Funktion des KI-Systems (Use Case)
  • Einsatzbereich (Anhang III prüfen: Biometrie, kritische Infrastruktur, Bildung, Beschäftigung, Zugang zu Diensten, Strafverfolgung, Migration, Justiz, Demokratie)
  • Rolle des Mandanten (Anbieter, Betreiber, Importeur, Händler — Art. 3)
  • Ist das KI-System Sicherheitsbauteil eines unter Anhang I fallenden Produkts?
  • Greift eine Ausnahme nach Art. 6 Abs. 3 (vorbereitende Aufgabe, keine wesentliche Beeinflussung)?

Process

1. Anwendungsbereich der Hochrisiko-Klassifizierung (Art. 6)

Zwei Pfade:

  • Art. 6 Abs. 1 – KI-System ist Sicherheitsbauteil eines unter den in Anhang I gelisteten Harmonisierungsrechtsakten fallenden Produkts (z. B. MaschinenVO, MedizinprodukteVO, Spielzeug).
  • Art. 6 Abs. 2 – KI-System fällt in einen der 8 Anwendungsbereiche von Anhang III.

2. Anhang III – die 8 Hochrisikobereiche

  1. Biometrie – Fernidentifizierung, Emotions-/Kategorisierungssysteme
  2. Kritische Infrastruktur – Verkehr, Wasser, Gas, Strom, Heizung, digitale Infrastruktur
  3. Bildung & Berufsausbildung – Zugang/Bewertung/Überwachung
  4. Beschäftigung & Personalmanagement – Auswahl, Beförderung, Beendigung, Aufgabenzuweisung, Bewertung
  5. Zugang zu wesentlichen Diensten – Kreditscoring (außer Betrug), Versicherungsrisiko, Notrufpriorisierung
  6. Strafverfolgung
  7. Migration, Asyl, Grenzkontrolle
  8. Justiz & demokratische Prozesse

3. Ausnahme Art. 6 Abs. 3

KI-System ist NICHT hochrisiko-klassifiziert, wenn es kein erhebliches Risiko für Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechte birgt und mindestens eine der vier Bedingungen erfüllt:

a) verrichtet eng begrenzte verfahrenstechnische Aufgabe b) verbessert das Ergebnis einer zuvor abgeschlossenen menschlichen Tätigkeit c) erkennt Entscheidungsmuster oder Abweichungen ohne Ersatz/Beeinflussung der menschlichen Bewertung d) verrichtet vorbereitende Aufgabe für eine Bewertung im Sinne von Anhang III

Profiling natürlicher Personen ist von der Ausnahme ausgeschlossen — bleibt immer hochrisiko-klassifiziert (Art. 6 Abs. 3 letzter UAbs.).

4. Folgepflichten bei Hochrisiko-Einordnung

Anbieter (Provider):

  • Risikomanagement-System Art. 9
  • Daten- und Datengovernance Art. 10
  • Technische Dokumentation Art. 11
  • Aufzeichnungspflichten / Logging Art. 12
  • Transparenz und Bereitstellung von Informationen Art. 13
  • Menschliche Aufsicht Art. 14
  • Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit Art. 15
  • Qualitätsmanagementsystem Art. 17
  • Konformitätsbewertung Art. 43, Anhang VI/VII
  • CE-Kennzeichnung, Eintragung in EU-Datenbank Art. 48, 71

Betreiber (Deployer):

  • Nutzung gemäß Anbieter-Anweisungen Art. 26 Abs. 1
  • Menschliche Aufsicht durch geschulte Personen Art. 26 Abs. 2
  • Eingabedaten relevant und repräsentativ Art. 26 Abs. 4
  • Überwachung des Betriebs Art. 26 Abs. 5
  • Aufzeichnungen aufbewahren Art. 26 Abs. 6
  • Informationspflichten an Beschäftigte und deren Vertreter Art. 26 Abs. 7
  • DPIA-Verzahnung Art. 26 Abs. 9, Art. 27 (Grundrechte-Folgenabschätzung)
  • Kennzeichnung gegenüber natürlichen Personen Art. 50 Abs. 3

5. Sanktionen Art. 99

  • Verbotene Praktiken (Art. 5) → bis 35 Mio. EUR / 7 %
  • Verstoß gegen Pflichten Art. 16/Art. 26 etc. → bis 15 Mio. EUR / 3 %
  • Falsche Auskunft → bis 7,5 Mio. EUR / 1 %

Sources

Statute

Leitlinien

  • EU-Kommission, KI-Definitions-Leitlinien (Februar 2025)
  • EU-Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Verboten gemäß Art. 5 KI-VO
  • Anhang III Use-Case-Verzeichnis der KI-VO

Sekundärliteratur

  • Hilgendorf/Roth-Isigkeit, KI-VO, 1. Aufl. 2024
  • Spindler, in: Hofmann-Riem u.a., Handbuch der digitalen Verwaltung
  • BeckOK KI-VO (Online)

Output Format

HOCHRISIKO-KLASSIFIZIERUNG — <System-Bezeichnung> — <Datum>

I.    Rolle Mandant                 [Anbieter / Betreiber / Importeur / Händler]
II.   Anwendungsbereich Anhang III  [Nr. <X> / N/A]
      Begründung: <…>
III.  Sicherheitsbauteil Anhang I   [ja / nein]
IV.   Ausnahme Art. 6 Abs. 3        [a / b / c / d / nicht anwendbar]
      Profiling-Einschränkung: <…>
V.    Ergebnis                       [🟢 nicht hochrisiko / 🔴 HOCHRISIKO]
VI.   Folgepflichten (falls 🔴)
      - Risikomanagement Art. 9      …
      - Datengovernance Art. 10      …
      - …
VII.  Bußgeldrisiko Art. 99          [bis X Mio. EUR / Y %]

Empfehlung: <…>
Nächste Schritte: <…>

Risks and Common Mistakes

  • Ausnahme Art. 6 Abs. 3 fehlinterpretiert — die Ausnahme greift nur kumulativ mit "kein erhebliches Risiko"; reine Vorbereitung genügt nicht.
  • Profiling übersehen — Art. 6 Abs. 3 schließt Profiling aus, die Ausnahme greift dann nie.
  • Rolle nicht sauber bestimmt — Anbieter-/Betreiber-Pflichten unterscheiden sich grundlegend. Self-Build = oft Anbieter UND Betreiber.
  • Phasierte Anwendung übersehen — Hochrisiko-Pflichten gelten zu unterschiedlichen Daten (2025-08 / 2026-08 / 2027-08).
  • Wechselwirkung mit DSGVO — Art. 27 KI-VO verlangt eine Grundrechte-Folgenabschätzung zusätzlich zur DPIA Art. 35 DSGVO.

View SKILL.md on GitHub