Purpose

Die drei objektiven Verfahren — Organstreit, Bund-Länder-Streit, abstrakte Normenkontrolle — sehen ähnlich aus, haben aber unterschiedliche Antragsberechtigte, Antragsgegenstände und Fristen. Vor jeder weiteren Prüfung steht daher die Verfahrenswahl. Dieser Skill trennt die drei Verfahren sauber und führt die jeweilige Zulässigkeitsprüfung durch.

Inputs

  • Antragsteller (Verfassungsorgan / Teil eines Verfassungsorgans / Bundesregierung / Landesregierung / Bundestagsdrittel)
  • gerügte Maßnahme (Akt eines Verfassungsorgans / Bundesrecht / Landesrecht / Unterlassen)
  • behauptete Verletzung (verfassungsrechtliche Kompetenz / Recht aus dem GG / Vereinbarkeit einer Norm mit dem GG)
  • Zeitpunkt der Kenntniserlangung

Sub-Agent Architecture

Researcher liefert GG, BVerfGG und BVerfG-Rechtsprechung zu den drei Verfahrensarten. Drafter ordnet das Begehren der richtigen Verfahrensart zu und führt die Zulässigkeitsprüfung im Gutachtenstil. Reviewer prüft Fristen, Antragsbefugnis und Subsidiarität gegenüber konkurrierenden Verfahren.

Process

1. Verfahrenswahl

VerfahrenNormWerWorum geht es
OrganstreitArt. 93 I Nr. 1 GG; §§ 13 Nr. 5, 63–67 BVerfGGOberste Bundesorgane oder andere durch GG / Geschäftsordnung mit eigenen Rechten ausgestattete Beteiligte (z. B. Bundestagsfraktion)Kompetenzstreit / Verletzung verfassungsmäßiger Rechte des Antragstellers durch Maßnahme oder Unterlassen des Antragsgegners
Bund-Länder-StreitArt. 93 I Nr. 3 GG; §§ 13 Nr. 7, 68–70 BVerfGGBundesregierung / LandesregierungMeinungsverschiedenheit über Rechte und Pflichten des Bundes und der Länder (insbes. Bundesaufsicht)
Abstrakte NormenkontrolleArt. 93 I Nr. 2 GG; §§ 13 Nr. 6, 76–79 BVerfGGBundesregierung, Landesregierung, ein Viertel der Mitglieder des BundestagesFörmliche Überprüfung der Vereinbarkeit von Bundes- oder Landesrecht mit dem GG bzw. mit sonstigem Bundesrecht

Abgrenzung zur konkreten Normenkontrolle (Art. 100 I GG, §§ 80 ff. BVerfGG): dort initiiert das Fachgericht, nicht ein Verfassungsorgan.

2. Organstreit (§§ 63–67 BVerfGG)

StufeMaßstab
Parteifähigkeit§ 63 BVerfGG: Bundespräsident, Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung sowie deren Teile, die im GG oder in der Geschäftsordnung mit eigenen Rechten ausgestattet sind (z. B. Fraktionen, einzelne Abgeordnete, Ausschüsse — vgl. BVerfGE 2, 143, EVG-Vertrag)
AntragsgegnerEbenfalls oberstes Bundesorgan oder dessen Teil
Antragsgegenstand§ 64 Abs. 1 BVerfGG: Maßnahme oder Unterlassen des Antragsgegners
AntragsbefugnisMöglichkeit der Verletzung verfassungsmäßiger Rechte des Antragstellers oder des Organs, dem er angehört
Frist§ 64 Abs. 3 BVerfGG: sechs Monate nach Bekanntwerden der beanstandeten Maßnahme
Form§ 64 Abs. 2 BVerfGG: Antrag mit Bezeichnung der Maßnahme und der verletzten Bestimmung des GG
Rechtsschutzbedürfnisbei einfacheren Klärungsmöglichkeiten (z. B. Geschäftsordnungsverfahren) sorgfältig zu prüfen

3. Bund-Länder-Streit (§§ 68–70 BVerfGG)

StufeMaßstab
Parteifähigkeit§ 68 BVerfGG: Bundesregierung und Landesregierung
Antragsgegenstand§ 69 BVerfGG i.V.m. § 64 BVerfGG: Maßnahme oder Unterlassen, das Rechte und Pflichten des Bundes oder eines Landes betrifft
AntragsbefugnisMöglichkeit, dass eigene verfassungsmäßige Rechte / Pflichten aus dem Bund-Länder-Verhältnis verletzt sind
Frist§ 69 i.V.m. § 64 Abs. 3 BVerfGG: sechs Monate

Abgrenzung: Streit zwischen demselben Bundesland-Organen ist Landesverfassungsstreit (vor Landesverfassungsgericht), nicht Bund-Länder-Streit.

4. Abstrakte Normenkontrolle (§§ 76–79 BVerfGG)

StufeMaßstab
Antragsberechtigung§ 76 Abs. 1 BVerfGG: Bundesregierung, Landesregierung, ein Viertel der Mitglieder des Bundestages
AntragsgegenstandBundesrecht oder Landesrecht (Gesetze, Rechtsverordnungen)
AntragsbefugnisBundesregierung / Landesregierung: Bedenken oder Halten für gültig wenn Gericht / Behörde es für unanwendbar hält; Bundestagsdrittel: Meinungsverschiedenheiten oder Zweifel an der Vereinbarkeit mit höherrangigem Recht
Fristkeine starre Frist, aber objektives Klarstellungsinteresse erforderlich
Verhältnis zu anderen VerfahrenVorrang konkreter Normenkontrolle / Verfassungsbeschwerde, wenn Individualrechtsschutz möglich

5. Bindungswirkung und Gesetzeskraft

Auch hier gilt § 31 BVerfGG:

  • Abs. 1: Bindung aller Verfassungsorgane, Gerichte und Behörden an die Entscheidung.
  • Abs. 2: Gesetzeskraft für Entscheidungen nach § 13 Nr. 6 BVerfGG (abstrakte Normenkontrolle) sowie weitere ausdrücklich genannte Verfahren — Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt.

Dies ist die gesetzliche Ausnahme vom Grundsatz, dass deutsches Recht keine Präjudizienbindung kennt.

Sources and Citations

Verbindlich: ../../references/zitierweise.md.

Statute

Kommentare

  • Bethge, in: Maunz/Schmidt-Bleibtreu/Klein/Bethge, BVerfGG, Loseblatt, § 63 Rn. 1 ff. (Parteifähigkeit Organstreit)
  • Pestalozza, Verfassungsprozessrecht, 3. Aufl. 1991, § 7 (Bund-Länder-Streit)
  • Schlaich/Korioth, Das Bundesverfassungsgericht, 12. Aufl. 2021, Rn. 87 ff. (Organstreit), Rn. 138 ff. (abstrakte Normenkontrolle), Rn. 119 ff. (Bund-Länder-Streit)
  • Stern, Staatsrecht II, § 44 (Organstreit), § 45 (Bund-Länder-Streit)

Rechtsprechung

  1. BVerfG, Urt. v. 05.04.1952 – 2 BvH 1/52, BVerfGE 1, 208 (7,5%-Sperrklausel; Parteifähigkeit politischer Parteien — frühe Linie)
  2. BVerfG, Urt. v. 23.10.1952 – 1 BvB 1/51, BVerfGE 2, 1 (Verbot SRP — Parteiverbotsverfahren)
  3. BVerfG, Urt. v. 30.07.1958 – 2 BvF 3, 6/58, BVerfGE 8, 104 (abstrakte Normenkontrolle, Volksbefragung Hamburg/Bremen)
  4. BVerfG, Urt. v. 14.12.1965 – 1 BvR 413/60, BVerfGE 19, 206 (Kirchenbausteuer; juristische Personen, Verfassungsbeschwerde)

Output Format

GUTACHTEN ORGANSTREIT / BUND-LÄNDER-STREIT / ABSTRAKTE NORMENKONTROLLE
<Datum> — <Skill-Mandat-ID>

A. Sachverhalt
   <knapp>

B. Frage / Verfahrenswahl
   Welche Verfahrensart ist statthaft? Welches Verfassungsorgan kann
   was angreifen?

C. Kurzantwort
   <1 Satz>

D. Verfahrenswahl
   1. Organstreit (Art. 93 I Nr. 1 GG, §§ 63 ff. BVerfGG): einschlägig?
   2. Bund-Länder-Streit (Art. 93 I Nr. 3 GG, §§ 68 ff. BVerfGG):
      einschlägig?
   3. Abstrakte Normenkontrolle (Art. 93 I Nr. 2 GG, §§ 76 ff. BVerfGG):
      einschlägig?
   4. Konkurrenz und Vorrang

E. Zulässigkeit des gewählten Verfahrens
   I.   Parteifähigkeit / Antragsberechtigung
   II.  Antragsgegner (soweit relevant)
   III. Antragsgegenstand
   IV.  Antragsbefugnis (Möglichkeit der Rechtsverletzung)
   V.   Frist (§ 64 III BVerfGG bzw. ohne Frist bei abstrakter
        Normenkontrolle)
   VI.  Form (§ 23 I, § 64 II BVerfGG)
   VII. Rechtsschutzbedürfnis / Subsidiarität gegenüber anderen
        Verfahren

F. Begründetheit
   <Maßstab je nach Verfahren — Verletzung verfassungsmäßiger Rechte /
   Vereinbarkeit der Norm mit höherrangigem Recht>

G. Ergebnis
   Verfahren statthaft ✅/❌; Zulässigkeit ✅/❌; Begründetheit ✅/❌

H. Bindung und Tenor (§ 31, § 78 BVerfGG)

I. Risiken / offene Punkte

J. Quellenverzeichnis

Risks and Common Mistakes

  • Falsche Verfahrenswahl — Bundestagsfraktion macht „Bund-Länder-Streit" geltend, obwohl sie nicht parteifähig ist; statthaft wäre Organstreit.
  • Frist § 64 Abs. 3 BVerfGG übersehen — sechs Monate ab Bekanntwerden, auch im Bund-Länder-Streit (§ 69 i.V.m. § 64 BVerfGG).
  • Antragsbefugnis bei abstrakter Normenkontrolle — Bundestagsdrittel-Schwelle (Art. 93 I Nr. 2 GG, § 76 BVerfGG) muss tatsächlich vorliegen.
  • Konkurrenz nicht beachtet — bei Individualrechtsschutz Vorrang der Verfassungsbeschwerde / konkreten Normenkontrolle.
  • § 31 BVerfGG fehlinterpretiert — Gesetzeskraft (§ 31 Abs. 2 BVerfGG) gilt nur für die im Katalog des § 13 Nr. 6, 6a, 11, 12, 14 BVerfGG genannten Verfahren.
  • Landesverfassungsstreit als Bund-Länder-Streit qualifiziert — Streit zwischen Organen desselben Landes ist Landesverfassungssache.

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