Purpose

Vor jeder Beschaffung muss der Auftraggeber prüfen, welches Vergaberegime gilt. Dies hängt von drei Variablen ab: Auftraggebereigenschaft (§ 99 GWB), Auftragsgegenstand (Liefer-, Dienst-, Bauleistung, Konzession) und geschätztem Auftragswert (§ 3 VgV) im Verhältnis zum jeweils geltenden EU-Schwellenwert. Dieser Skill führt die Prüfung strukturiert durch und empfiehlt die Verfahrensart.

Inputs

  • Auftraggeber (Rechtsform, ggf. öffentliche Finanzierung > 50 %, Sektorentätigkeit Anlage I SektVO)
  • Auftragsgegenstand (Lieferleistung, Dienstleistung, Bauleistung, Konzession; Beschreibung)
  • Geschätzte Vertragslaufzeit (inkl. Verlängerungsoptionen)
  • Geschätzter monetärer Wert pro Jahr und Gesamtwert (netto)
  • Aufteilung in Lose (geplant, Anzahl, jeweiliger Wert)
  • Etwaige verbundene Beschaffungen in den letzten 12 Monaten (§ 3 Abs. 6 VgV)

Sub-Agent Architecture

Researcher liefert die einschlägigen Normen (GWB, VgV / SektVO / KonzVgV / VSVgV, UVgO, VOB/A), die aktuelle Schwellenwert-VO und die Rspr. zum Auftraggeberbegriff sowie zur Loseregelung. Drafter führt die dreistufige Prüfung (Auftraggeber → Auftragswert → Verfahrensart) im Gutachtenstil durch. Reviewer prüft, ob die Schwellenwerte korrekt zugeordnet, der Auftragswert nicht künstlich in Lose aufgeteilt (§ 3 Abs. 7 S. 1 VgV) und die Verfahrensart vertretbar empfohlen wurde.

Process

1. Auftraggebereigenschaft § 99 GWB

Dreigliedrige Prüfung:

VarianteNormInhalt
Öffentlicher Auftraggeber§ 99 Nr. 1–3 GWBGebietskörperschaften, Sondervermögen, juristische Personen des öffentlichen oder privaten Rechts mit Aufgaben im Allgemeininteresse, nichtgewerblich, überwiegend öffentlich finanziert/aufsichtsmäßig kontrolliert
Sektorenauftraggeber§ 100 GWB i. V. m. SektVOTätigkeit in Anlage I SektVO (Wasser, Energie, Verkehr, Postdienste)
Subjektiv-funktionaler Auftraggeber§ 99 Nr. 4 GWBPrivate mit überwiegender öffentlicher Bauförderung / Subventionierung

Maßstab EuGH zur "Funktion im Allgemeininteresse, nichtgewerblicher Art": EuGH, Urt. v. 10.11.1998 – Rs. C-360/96, BFI Holding (https://curia.europa.eu/juris/liste.jsf?language=en&num=C-360/96); EuGH, Urt. v. 22.05.2003 – Rs. C-18/01, Korhonen (https://curia.europa.eu/juris/liste.jsf?language=en&num=C-18/01).

2. Auftragswertschätzung § 3 VgV

Grundsatz Vollwertprinzip (§ 3 Abs. 1 VgV): Gesamter Auftragswert über die volle Laufzeit, netto, inklusive Optionen und Verlängerungen.

KonstellationNormBerechnung
Befristete Verträge ≤ 48 Monate§ 3 Abs. 11 Nr. 1 VgVWert der gesamten Laufzeit
Unbefristete oder > 48 Monate§ 3 Abs. 11 Nr. 2 VgV48-fache Monatsrate
Lieferleistungen Leasing§ 3 Abs. 10 VgVGesamter Schätzwert
Rahmenvereinbarung§ 3 Abs. 12 VgVGeschätzter Gesamtwert aller Abrufe
Lose§ 3 Abs. 7 VgVGesamtwert aller Lose; kein künstliches Splitting
Bagatellklausel Lose§ 3 Abs. 9 VgV20 %-Quote / 80 %-Wert: kleine Lose < 80.000 EUR (Liefer/Dienst) bzw. < 1 Mio. EUR (Bau) dürfen unterschwellig vergeben werden, soweit ≤ 20 % des Gesamtwerts

Verbot der Aufteilung in Umgehungsabsicht § 3 Abs. 7 S. 1 VgV. Maßstab Funktionalitätsprüfung (gleicher Beschaffungsgegenstand, sachlich-zeitlicher Zusammenhang): vgl. BGH, Beschl. v. 18.06.2012 – X ZB 9/11, NZBau 2012, 715 [unverifiziert – prüfen].

3. Abgleich mit EU-Schwellenwert

Schwellenwerte werden alle zwei Jahre durch delegierte VO der Kommission angepasst (Stand 2024/2025: VO (EU) 2023/2497) [unverifiziert – aktuelle Folge-VO prüfen].

Indikative Schwellenwerte 2024/2025 (netto, prüfen):

AuftragstypSchwelle
Bauaufträge (klassisch, Sektoren, Konzessionen)5.538.000 EUR [unverifiziert]
Liefer-/Dienstleistungen oberste Bundesbehörden143.000 EUR [unverifiziert]
Liefer-/Dienstleistungen sonstige öffentliche AG221.000 EUR [unverifiziert]
Liefer-/Dienstleistungen Sektorenauftraggeber443.000 EUR [unverifiziert]
Soziale und besondere Dienstleistungen Anh. XIV RL 2014/24/EU750.000 EUR [unverifiziert]
Konzessionen5.538.000 EUR [unverifiziert]

Pflicht: aktuellen Stand bei Anwendung der Skill prüfen.

4. Verfahrensartwahl

Oberschwellenbereich (≥ Schwelle)

Anwendbares Regelwerk:

  • VgV für klassische Aufträge öffentlicher Auftraggeber
  • SektVO für Sektorentätigkeit (Anlage I SektVO)
  • KonzVgV für Konzessionen
  • VSVgV für Verteidigung/Sicherheit

Verfahrensarten § 14 VgV:

VerfahrenNormVoraussetzung
Offenes Verfahren§ 15 VgVjederzeit
Nicht offenes Verfahren mit Teilnahmewettbewerb§ 16 VgVjederzeit
Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb§ 17 VgVTatbestände § 14 Abs. 3 VgV
Wettbewerblicher Dialog§ 18 VgVTatbestände § 14 Abs. 3 VgV
Innovationspartnerschaft§ 19 VgVinnovative Leistung am Markt nicht verfügbar
Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb§ 14 Abs. 4 VgVenge Ausnahmen (z. B. Dringlichkeit, ausschließliche Rechte)

Unterschwellenbereich (< Schwelle)

  • UVgO für Liefer- und Dienstleistungen, soweit durch Land/Bund eingeführt — Landesvergabegesetze beachten
  • VOB/A Abschnitt 1 für Bauaufträge
  • Grundsatz: öffentliche Ausschreibung als Regelverfahren, beschränkte Ausschreibung und Verhandlungsvergabe nur bei Vorliegen der Tatbestände der UVgO bzw. VOB/A

5. Dokumentation

Vergabevermerk § 8 VgV / § 6 UVgO mit Begründung der Verfahrenswahl, Wertschätzung und Losentscheidung (§ 97 Abs. 4 GWB).

Sources and Citations

Verbindlich: ../../references/zitierweise.md.

Statute

Kommentare

  • Burgi, Vergaberecht, 4. Aufl. 2022, § 13 Rn. 1 ff. (Auftraggeber), § 17 Rn. 1 ff. (Auftragswert)
  • Eßer, in: Pünder/Schellenberg, Vergaberecht, 4. Aufl. 2022, § 99 GWB Rn. 10 ff.
  • Ziekow, in: Ziekow/Völlink, Vergaberecht, 5. Aufl. 2024, § 3 VgV Rn. 1 ff.
  • Müller-Wrede (Hrsg.), Beck'scher Vergaberechtskommentar, § 99 GWB

Rechtsprechung ([unverifiziert – prüfen in Beck-Online/juris/eur-lex])

  1. EuGH, Urt. v. 10.11.1998 – Rs. C-360/96, BFI Holding (Allgemeininteresse, nichtgewerblich)
  2. EuGH, Urt. v. 22.05.2003 – Rs. C-18/01, Korhonen (subjektiv-funktional)
  3. BGH, Beschl. v. 18.06.2012 – X ZB 9/11, NZBau 2012, 715 (Auftragswert, Splittingverbot)
  4. OLG Düsseldorf, Beschl. v. 11.07.2018 – Verg 1/18, NZBau 2018, 638 (Loseregelung) [unverifiziert]

Output Format

SCHWELLENWERT- UND VERFAHRENSPRÜFUNG
Mandat: <…>
Auftraggeber: <…>
Vergabegegenstand: <…>
Stand: <Datum>

I. Sachverhalt
   - Auftraggeber: <…>
   - Beschaffungsgegenstand: <…>
   - Geschätzter Wert (netto, gesamte Laufzeit inkl. Optionen): <EUR>
   - Laufzeit: <Monate>
   - Lose: <…>

II. Auftraggebereigenschaft (§ 99 GWB)
    Subsumtion: <…>
    Ergebnis: <öffentlicher AG / Sektor / subjektiv-funktional / keiner>

III. Auftragswertschätzung (§ 3 VgV)
     Berechnung: <…>
     Lose-Test § 3 Abs. 7 VgV: <Splitting? Bagatellquote § 3 Abs. 9?>
     Ergebnis: geschätzter Gesamtwert <EUR netto>

IV. Anwendbare Schwelle
    Bezug: VO (EU) <…> [unverifiziert – aktuelle VO prüfen]
    Einschlägige Schwelle: <EUR>
    Ergebnis: Ober-/Unterschwellenbereich

V. Empfohlene Verfahrensart
   Begründung: <§ 14 VgV / UVgO / VOB/A>
   Verfahren: <offen / nicht offen / Verhandlungsverfahren / …>

VI. Risiken / offene Punkte
    🟢/🟡/🔴
    - <Lossplitting-Risiko>
    - <Auftraggeberbegriff strittig>
    - <Schwellenwert-Stand>

VII. Quellenverzeichnis
     <gem. references/zitierweise.md>

Examples

Beispiel — IT-Dienstleistung, Kommune, 4 Jahre Laufzeit

Sachverhalt: Stadtverwaltung (öffentlicher AG § 99 Nr. 1 GWB) plant Lizenz + Wartung Fachsoftware, 4 Jahre Laufzeit, jährlich 70.000 EUR netto. Auftragswertschätzung: § 3 Abs. 11 Nr. 1 VgV — 4 × 70.000 = 280.000 EUR netto. Schwelle: 221.000 EUR (sonstige öffentliche AG, Dienstleistung, Stand 2024/2025) [unverifiziert]. Auftragswert > Schwelle → Oberschwellenbereich, VgV anwendbar. Verfahrensart: Regelverfahren offenes Verfahren § 15 VgV. Verhandlungsverfahren § 17 VgV nur bei Tatbestand § 14 Abs. 3 VgV (z. B. konzeptionelle Dienstleistung mit Vorab-Unklarheit). Empfehlung: offenes Verfahren, sofern Leistungsbeschreibung eindeutig spezifizierbar.

Risks and Common Mistakes

  • Lossplitting in Umgehungsabsicht § 3 Abs. 7 S. 1 VgV → Nachprüfungsantrag durch übergangene Bieter wahrscheinlich.
  • Veraltete Schwellenwerte zitiert → fehlerhafte Verfahrenswahl → Aufhebung durch Vergabekammer.
  • Verlängerungsoptionen vergessen in der Schätzung → tatsächlicher Auftragswert überschreitet Schwelle, Vergabe unterhalb der Bekanntmachungspflicht.
  • Auftraggebereigenschaft verneint, obwohl überwiegende öffentliche Finanzierung > 50 % gegeben — § 99 Nr. 2 GWB zu eng ausgelegt.
  • Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb § 14 Abs. 4 VgV ohne tragfähige Begründung — strenger Ausnahmecharakter.

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